Frank Elstners Angst vor dem Sommer: Warum Hitze längst eine Gesundheitsfrage ist
Früher freute sich Frank Elstner auf den Sommer. Heute sorgt er sich um die Menschen, die Hitze kaum aushalten können. Die vergangenen Sommer haben gezeigt, weshalb wir über Umweltstress, Herzgesundheit und wirksamen Hitzeschutz sprechen müssen.
Sommer – das klingt nach langen Abenden, Urlaub, Freibad und einem Leben unter freiem Himmel. Für Frank Elstner hat dieses Bild seine Unbeschwertheit verloren. Der bekannte Moderator und Erfinder von „Wetten, dass... ?“ blickt inzwischen mit Sorge auf die heißen Monate. Sein Satz „Hitze kann töten“ klingt drastisch. Doch er ist weder eine Übertreibung noch der Versuch, mit Angst Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Elstners Sorge richtet sich vor allem auf jene Menschen, für die hohe Temperaturen nicht bloß unangenehm, sondern gefährlich werden können: Ältere und chronisch Kranke, Kinder, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und alle, deren Wohnung sich im Sommer aufheizt und nachts kaum noch abkühlt.
Elstner spricht inzwischen deutlich darüber, was ihn beunruhigt: die Vorstellung, dass wir außergewöhnliche Hitze allmählich für normal halten und das Problem auf ein zusätzliches Glas Wasser oder einen Ventilator reduzieren. Dabei geht es längst um mehr. Hitze ist zu einem Gesundheitsrisiko geworden, das sich in Arztpraxen, Notaufnahmen und Sterblichkeitsstatistiken bemerkbar macht.
Der Forscher hinter „Herzklima“
Dass Frank Elstner dieses Thema öffentlich macht, ist eng mit dem Kardiologen Prof. Thomas Münzel verbunden. Gemeinsam haben sie das Buch „Herzklima. Wie Umweltstress unsere Gesundheit gefährdet“ verfasst.
Münzel zählt zu den profilierten europäischen Forschern auf dem Gebiet der Umweltkardiologie. Bevor er Medizin studierte, ließ er sich zum Krankenpfleger ausbilden und arbeitete selbst am Krankenbett. Später forschte er unter anderem an der Emory University in Atlanta und leitete über viele Jahre das Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz. Heute ist er dort Seniorprofessor.
Er war Mitinitiator der Gutenberg-Gesundheitsstudie und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie unsere Umgebung auf Herz und Gefäße wirkt. Als Vorsitzender der Taskforce „Environment & Sustainability“ der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie setzt er sich dafür ein, Umweltbelastungen stärker in die medizinische Prävention einzubeziehen. Seine Vita dokumentiert eine Karriere zwischen klinischer Medizin, Gefäßforschung und öffentlicher Gesundheitsaufklärung.
Münzels Ausgangspunkt ist ebenso einfach wie folgenreich: Ein Herz lebt nicht isoliert in einem Körper. Es schlägt immer an einem konkreten Ort, also in einer lauten Straße oder einer ruhigen Siedlung, in sauberer oder belasteter Luft, in einer kühlen Wohnung oder unter einem aufgeheizten Dach.
Das Herz hat mehr Gegner als Cholesterin
Wer an die Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen denkt, nennt meist Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, Übergewicht, ungünstige Ernährung oder Bewegungsmangel. Diese klassischen Risikofaktoren bleiben wichtig. Münzels Forschung zeigt jedoch, dass die Liste erweitert werden muss.
Auch Feinstaub, Verkehrslärm, extreme Temperaturen, künstliches Licht in der Nacht und bestimmte Chemikalien können biologische Prozesse in Gang setzen, die Gefäße und Herz belasten. Häufig führen diese Einflüsse zu oxidativem Stress, Entzündungsreaktionen und einer gestörten Funktion des Endothels – jener feinen Zellschicht, die unsere Blutgefäße von innen auskleidet.
Besonders eindrücklich sind Münzels Untersuchungen zum nächtlichen Verkehrslärm. Bereits kurze Lärmbelastungen können Stresshormone aktivieren, den Schlaf stören und die Gefäßfunktion beeinträchtigen.
Das Buch „Herzklima“ betrachtet deshalb nicht nur Hitze. Es führt die verschiedenen Belastungen zusammen: verschmutzte Luft, Lärm, Lichtverschmutzung, Pestizide, PFAS, Mikroplastik, Nikotin und extreme Temperaturen. Entscheidend ist, dass diese Faktoren selten einzeln auftreten. Hitze kann beispielsweise die Ozonbelastung erhöhen. Eine tropische Nacht wird noch belastender, wenn Verkehrslärm den Schlaf verhindert. Asphaltierte Stadtviertel verbinden Hitze, Abgase, Lärm und fehlende Erholungsräume.
Die Wissenschaft spricht hier vom Exposom: der Gesamtheit aller Umweltbedingungen, denen ein Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist.
Warum wir dieses Thema jetzt behandeln müssen
Die Bedeutung dieses Themas endet nicht mit dem letzten heißen Tag eines Sommers. Jeder Sommer macht lediglich sichtbarer, was das ganze Jahr über gilt: Unsere Umwelt schreibt an unserer Gesundheit mit.
Daraus folgt keine Einladung zur Panik. Im Gegenteil. Je besser die Zusammenhänge verstanden werden, desto konkreter lässt sich handeln.
Städte können Hitzeaktionspläne entwickeln, gefährdete Menschen gezielt warnen und für erreichbare Trinkwasserstellen sowie kühle öffentliche Räume sorgen. Bäume, Parks, begrünte Dächer und entsiegelte Flächen senken die Temperatur und schaffen Schatten. Verkehrsberuhigte Quartiere reduzieren zugleich Lärm und Luftschadstoffe. Gut gedämmte Gebäude schützen nicht nur im Winter vor Kälte, sondern im Sommer vor Überhitzung.
Auch Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen spielen eine wichtige Rolle. Menschen mit Herz-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen sollten wissen, wie sie sich während einer Hitzewelle verhalten. Bestimmte Medikamente können bei hohen Temperaturen besondere Aufmerksamkeit erfordern. Änderungen der Dosierung dürfen allerdings nie eigenmächtig, sondern ausschließlich nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.
Im Alltag helfen einfache Maßnahmen: ausreichend trinken, körperliche Anstrengung in die kühleren Morgenstunden verlegen, Räume frühzeitig abdunkeln, leichte Kleidung tragen und auf besonders gefährdete Angehörige oder Nachbarn achten. Bei Verwirrtheit, ungewöhnlicher Schwäche, Bewusstseinsstörungen oder anderen schweren Beschwerden muss medizinische Hilfe gerufen werden.
Doch individuelle Vorsicht allein reicht nicht. Niemand kann eine überhitzte Stadt durch richtiges Trinkverhalten ausgleichen. Gesundheitsschutz beginnt deshalb nicht erst im Sprechzimmer. Er beginnt ebenso in der Stadtplanung, im Baurecht, in der Verkehrs- und Umweltpolitik.
Vom Wetterbericht zur Gesundheitsvorsorge
Frank Elstners Sorge vor dem Sommer berührt einen entscheidenden Punkt: Wir sprechen über Hitze noch zu häufig wie über eine vorübergehende Unannehmlichkeit. Dabei ist sie für viele Menschen bereits eine medizinische Belastung.
Der Sommer ist nicht unser Feind. Gefährlich wird er dort, wo hohe Temperaturen auf Vorerkrankungen, Einsamkeit, schlechte Wohnbedingungen und unvorbereitete Städte treffen. Genau deshalb ist Elstners Warnung wichtig. Sie verwandelt ein abstraktes Thema in eine persönliche Frage: Wie werden wir künftig leben, wenn heiße Tage und Nächte häufiger werden?
„Herzklima“ liefert darauf keine einfache Patentantwort. Das Buch zeigt aber, dass Herzgesundheit größer gedacht werden muss. Sie entscheidet sich nicht nur bei der Blutdruckmessung oder auf dem Laufband. Sie entscheidet sich auch vor unserer Haustür: in der Luft, die wir atmen, im Lärm, der uns nachts weckt, im Schatten eines Baumes und in der Temperatur unserer Wohnung.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft hinter Frank Elstners Angst: Wir müssen den Sommer nicht fürchten. Aber wir sollten endlich ernst nehmen, was er uns über unsere Gesundheit und unsere Lebensräume zeigt.


