Der Fall Juna Liebrecht
Warum wir die Veröffentlichung von „Wer ich bin, wenn du mich siehst“ gestoppt haben, warum wir die Debatte versachlichen möchten
Der angekündigte Debütroman „Wer ich bin, wenn du mich siehst“ von Juna Liebrecht sollte im November 2026 im Molino Verlag erscheinen. Nach heftigen und bedrohlichen Reaktionen auf die Ankündigung des Buches in den sozialen Medien und über Mails haben wir die Veröffentlichung gestoppt.
Als Verlag tragen wir Verantwortung für ein Buchprojekt, aber ebenso für die Menschen, mit denen wir arbeiten. Als Juna Liebrecht nach den öffentlichen Reaktionen den Wunsch äußerte, die Veröffentlichung stoppen zu wollen, war für uns wichtig, ihre Entscheidung zu respektieren und sie in einer für sie belastenden Situation zu schützen. Unser Handeln war nie ein Urteil über den literarischen Wert des Romans und auch keine Bewertung sämtlicher Stimmen in der Debatte. Es war die Erfüllung eines ausdrücklichen Wunsches der Autorin.
Worum es in dem Roman gehen sollte
„Wer ich bin, wenn du mich siehst“ ist ein fiktionaler Roman, der im Frühjahr 2022 im besetzten Cherson spielt. Im Mittelpunkt steht die ukrainische Zivilistin Lyusiya. Nach einer Explosion wird sie von einem maskierten russischen Soldaten gerettet. Bei einer späteren Begegnung entwickelt sich zwischen beiden eine intensive, aber auch konfliktreiche Nähe.
Diese Konstellation war von Anfang an als moralischer Konflikt angelegt. Die Beziehung sollte Gewalt und Schuld nicht auflösen. Sie sollte auch die Besatzungssituation nicht verharmlosen, den russischen Angriffskrieg an keiner Stelle romantisieren. Im Zentrum des Manuskripts standen vielmehr Fragen nach Angst, Mitgefühl, Abhängigkeit und persönlicher Verantwortung in einer Situation, in der es keine einfachen oder unbelasteten Entscheidungen gibt.
Genau diese Konstellation wurde jedoch zum Ausgangspunkt der öffentlichen Kritik. Der Vorwurf lautete, die Geschichte romantisiere den Krieg oder verharmlose das Machtverhältnis zwischen einer ukrainischen Zivilistin und einem Angehörigen der russischen Besatzungstruppen.
Kritik und persönliche Anfeindungen sind nicht dasselbe
Zu einer literarischen Öffentlichkeit gehört Kritik. Auch deutliche und grundsätzliche Kritik muss möglich sein und niemand ist verpflichtet, die Idee eines Romans gutzuheißen, seine Intention zu teilen, auch nicht seine Veröffentlichung zu begrüßen.
Neben inhaltlichen Einwänden erreichten die Autorin und den Verlag jedoch auch persönliche Beschimpfungen und Nachrichten mit bedrohlichem Charakter. Hier verläuft für uns eine klare Grenze. Die Auseinandersetzung mit einem Buchstoff rechtfertigt keine Einschüchterung und keinen persönlichen Angriff.
Wir möchten die kritischen Stimmen nicht pauschal mit den beleidigenden oder bedrohlichen Nachrichten gleichsetzen. Beides muss voneinander unterschieden werden. Wer auf problematische historische, politische oder moralische Aspekte einer Erzählung hinweist, beteiligt sich an einer Debatte. Wer Menschen bedroht oder gezielt herabsetzt, verlässt diesen Raum.
Zum Nachhören: der Beitrag von SWR Kultur
Im Radiobeitrag vom 19. Oktober 2026 ordnet SWR-Kultur-Autorin Mareike Gries die Reaktionen auf die Buchankündigung und die Entscheidung des Verlags ein. Zu Wort kommt auch Nicolai Köppel vom Förderkreis deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Baden-Württemberg.
Auswahl weiterer Berichte
SWR Kultur: „Russisch-ukrainischer Liebesroman erscheint nicht: Verlag aus Sindelfingen zieht Veröffentlichung zurück“, 19. Oktober 2026
Südwest Presse: „Molino stoppt Veröffentlichung von Roman über ukrainisch-russische Liebe“, 16. Oktober 2026
DER SPIEGEL/dpa: „Deutscher Verlag zieht russisch-ukrainische Liebesgeschichte zurück“, 17. Oktober 2026
Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung: „Nach Anfeindungen: Maichinger Verlag stoppt Ukraine-Roman“, 21. Oktober 2026


