Firat Arslan, das Interview: „Erfolg ist die Wiederholung kleiner, richtiger Entscheidungen über viele Jahre hinweg!“
- 20. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Der WBA-Boxweltmeister im Cruisergewicht Firat Arslan erzählt im Exklusivinterview von seinem Werdegang, seinen Hürden und Erfolgen. Inzwischen hat er sich neben seiner aktiven Boxkarriere und der Leitung seiner Sportschule in Göppingen auch als wichtiger Boxpromoter etabliert. Nach seiner großen Boxnacht in der Lambert-Arena Göppingen ist klar: Der Boxsport in Deutschland lebt!
Molino: Wie würdest du deine Geschichte den Sportfans in deinen eigenen Worten beschreiben?
Firat Arslan: Ich musste mir immer anhören, dass ich kein Talent habe, dass meine Reaktion nicht gut ist und ich nicht schnell genug bin. Man sagte mir, dass meine Koordination zu schwach, ich für meine Größe zu schwer und nicht beweglich genug sei. Es war immer die Grundhaltung: „Du schaffst das nicht.“
Und eigentlich hatten sie in jedem einzelnen Punkt recht. Die Mängel, die sie sahen, waren tatsächlich Mängel. Aber in einem Punkt lagen sie falsch: „Du schaffst das nicht.“ Ich wurde zu einem Sportler, der nie aufgehört hat, hart zu arbeiten, der diszipliniert war und, egal wie schwer es war, niemals aufgegeben hat. Ich habe mich nie von meinem Traum entfernt. Mein ganzes Leben lang habe ich sowohl im Ring als auch im Leben gekämpft.
Meine Geschichte ist weniger eine Geschichte von Talent, sondern vielmehr eine Geschichte von Glauben, Willenskraft und Geduld.
Molino: Wie begann dein Weg mit dem Boxen? Was hat dich dazu gebracht, diesen ersten Schritt zu gehen?
Firat Arslan: In jungen Jahren hat unser Vater uns verlassen. Wir sind in Armut aufgewachsen. Als Kind von Gastarbeitern fühlte ich mich in Deutschland manchmal ausgegrenzt und ich hatte das Gefühl, weniger wert zu sein. Mein Wendepunkt waren die Rocky-Filme Ende der 80er-Jahre. Die Geschichte von Rocky Balboa hat mich inspiriert, weil er nie aufgab und sich von ganz unten nach ganz oben gekämpft hat.
Damals gab ich mir selbst ein Versprechen: „Ich werde auch Weltmeister!“ Von da an veränderte sich mein Leben. Boxen war für mich nie nur Sport. Durchs Boxen lernte ich mich selbst neu kennen. Es lehrte mich alles. Es hat mir gezeigt: Ein Mensch wird nicht durch seine Herkunft bestimmt, sondern durch das Ziel, das er erreichen will. Ich sage immer den jungen Leuten in meiner Sportschule: Es ist nicht schlimm, wenn du dein Ziel nicht erreichst. Wenn du alles gegeben hast – aber wirklich alles – dann bist du ein Champion.
Molino: Was war auf dieser langen und auch schwierigen Reise deine größte Motivation?
Firat Arslan: Es mir selbst zu beweisen. Zu beweisen, dass ich nicht schlechter bin als die anderen. Es dauerte eine Weile, bis sie mich ernst nahmen, aber durch alle Schwierigkeiten bin ich stärker geworden. Das hat mich gelehrt: Wer mit Geduld und Glauben seinen Weg geht, gewinnt am Ende.
Molino: Was waren für dich die unverzichtbaren Prinzipien auf dem Weg zum Erfolg?
Firat Arslan: Disziplin, Opferbereitschaft und Kontinuität.
Ich begann mit 18 Jahren zu boxen und 19 Jahre später wurde ich zum ersten Mal Weltmeister – der erste und einzige türkische Weltmeister im Profiboxen. Ein Jahr später verlor ich den Titel wieder und viele sagten, dass es für mich vorbei sei. Aber für mich war es das nicht.
Ich kämpfte weiter 15 Jahre: Ich fiel, stand auf und versuchte es immer wieder. Mit 53 Jahren wurde ich nochmal Weltmeister. Als ältester Weltmeister der Boxgeschichte stellte ich einen Weltrekord auf.
Erfolg kommt nicht plötzlich. Erfolg ist die Wiederholung kleiner, richtiger Entscheidungen über viele Jahre hinweg. Große Siege sind das Ergebnis konsequenter Schritte.
Molino: Was bedeutet dir dein zweiter großer Titel, den du gegen deinen 18 Jahre jüngeren Gegner gewonnen hast?
Firat Arslan: Dieser Kampf war für mich eine Botschaft in die ganze Gesellschaft: Alter ist nur eine Zahl. Wenn man Disziplin zu einem Teil seines Lebens macht, seinen Körper pflegt und seinen Geist stärkt, kann man in jedem Alter an der Spitze stehen. Als ich den Ring verließ, verspürte ich eine große Ruhe.
Molino: Wo empfindest du rückblickend am meisten Stolz?
Firat Arslan: Natürlich war der erste Weltmeistertitel mit 37 Jahren unvergesslich, und auch mit 53 Jahren noch einmal Weltmeister zu werden, war etwas ganz Besonderes. Aber am meisten erfüllt es mich mit Stolz, wenn junge Sportler oder Menschen, die die Hoffnung verloren hatten, zu mir sagen: „Dank Ihnen habe ich nicht aufgegeben!“
Molino: Wie sieht dein Leben heute aus?
Firat Arslan: Ich stehe weiterhin in der Top 15 der Weltrangliste und begleite junge Sportler auf ihrem Weg dorthin. Ich möchte meine Erfahrung weitergeben und Disziplin vermitteln. Mein wichtigstes Ziel ist aber ein anderes: meinen Kindern die Vaterrolle geben, die mir selbst gefehlt hat. Ich messe meinen Erfolg nicht nur an Gürteln.
Molino: Was denkst du, fehlt jungen Sportlern heute am meisten?
Firat Arslan: Geduld. Jeder will schnellen Erfolg, aber Erfolg braucht Zeit. Viele wollen sichtbar sein, aber nur wenige sind bereit, jahrelang unsichtbar und unbeirrt zu arbeiten. Erfolg beginnt an den Tagen, an denen niemand applaudiert.
Molino: Was ist deine Botschaft an junge Sportler?
Firat Arslan: „Glaubt an euren Traum! Arbeitet hart dafür, jeden einzelnen Tag!“


