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Unser Autor Thomas Münzel im Gespräch mit DER SPIEGEL und DIE ZEIT: Warum unser Herz nicht nur durch Lebensstil krank wird

  • vor 8 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Es gehört zu den großen Gewissheiten der modernen Medizin: Wer sich gesund ernährt, regelmäßig bewegt und nicht raucht, schützt sein Herz. Doch genau diese scheinbare Sicherheit stellt der Kardiologe Thomas Münzel infrage. Denn was, wenn das eigentliche Risiko gar nicht primär im Verhalten des Einzelnen liegt, sondern in der Welt, die ihn umgibt?


Etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland stirbt an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Für Münzel, Seniorprofessor am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz und Studienleiter beim Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), ist längst klar: Unsere Umwelt spielt dabei eine deutlich größere Rolle als bislang angenommen. In seinen Interviews mit dem SPIEGEL und der ZEIT zeichnet er ein Bild, das die klassische Herzmedizin ins Wanken bringt.


Während Prävention traditionell auf Cholesterin, Blutdruck und Bewegung fokussiert war, rücken bei ihm andere Faktoren ins Zentrum: Lärm, Luftverschmutzung, Hitze. Faktoren, die sich dem Einfluss des Einzelnen oft entziehen, und dennoch tief in den Körper eingreifen. Besonders eindrücklich wird diese Perspektivverschiebung im Gespräch mit dem SPIEGEL: „Ein erhöhter Cholesterinwert löst jedes Jahr weltweit schätzungsweise vier Millionen Todesfälle aus. Bei der Luftverschmutzung sind es dagegen acht Millionen, das sind mehr als beim Rauchen.“ Eine zugespitzte Aussage, die jedoch eines leistet: Sie rückt die Dimension des Problems ins Licht.


Herzkrankheiten erscheinen damit nicht länger nur als Folge individueller Lebensführung, sondern zunehmend als Spiegel unserer Umweltbedingungen. Was diese Umwelt im Körper auslöst, beschreibt Münzel im Gespräch mit der ZEIT über ein zentrales Prinzip: Stress. „Wir erklären die Wirkung über ein Stressmodell. Als Folge von Lärm steigen die Stresshormonspiegel und der Blutdruck an, und über die Zeit bildet unser Körper dann eigene Herz-Kreislauf-Risikofaktoren aus.“


Lärm, Schadstoffe und Hitze versetzen den Organismus in einen Zustand dauerhafter Alarmbereitschaft. Stresshormone steigen, Gefäße verlieren ihre Schutzfunktion, entzündliche Prozesse werden aktiviert. Über die Zeit entstehen genau jene Erkrankungen, die bislang vor allem dem Lebensstil zugeschrieben wurden: Bluthochdruck, Gefäßverkalkung, Diabetes.


Besonders eindrücklich zeigt sich diese Dynamik am Beispiel des Lärms. Studien aus Münzels Arbeitsgruppe belegen, dass bereits eine einzige Nacht mit Verkehrslärm die Gefäßfunktion messbar verschlechtert. Der Körper reagiert empfindlich, und er gewöhnt sich nicht daran. Im Gegenteil: Die Reaktion verstärkt sich. „Wer bereits in der ersten Nacht dem Lärm ausgesetzt war, hatte nach der zweiten eine besonders schlechte Funktion der Blutgefäße“, so Münzel im Interview mit dem SPIEGEL. Was lange als bloße Belästigung galt, erweist sich als biologisch hochrelevanter Stressor.


Ähnlich wirken Luftschadstoffe, nur leiser und unsichtbarer. Feine Partikel dringen in den Blutkreislauf ein, schädigen die Gefäße und fördern Ablagerungen, die zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen können. Es ist ein schleichender Prozess, der im Alltag kaum wahrgenommen wird und gerade deshalb so gefährlich ist.


Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel dieser Faktoren. Verkehrslärm, Abgase und Hitze treten häufig gleichzeitig auf und verstärken sich gegenseitig. Münzel spricht von „Co-Exposition“ – einer Mehrfachbelastung, die für viele Menschen zum Alltag gehört und das kardiovaskuläre Risiko erheblich steigert.


Diese Erkenntnis stellt die Medizin vor eine grundlegende Herausforderung. Denn wie behandelt man Risiken, die nicht im Körper entstehen, sondern in der Umwelt? Münzels Antwort ist klar: Die Perspektive muss sich erweitern. Künftig wird es nicht mehr ausreichen, allein Blutwerte zu betrachten. Ebenso entscheidend sind die Lebensbedingungen: die Qualität der Luft, die Lautstärke der Nacht, die Hitze in unseren Städten.


Daraus folgt eine Konsequenz, die weit über die Medizin hinausgeht. „Es ist wichtig, dass wir die Dezibel-Grenzwerte, wie sie die Weltgesundheitsorganisation in ihren Richtlinien festlegt, tatsächlich einhalten. Und damit das wirklich passiert, müssen sie in EU-Gesetze übernommen werden – so wie es bei den Grenzwerten für Stickstoffdioxide gemacht wurde“, fordert Münzel im Gespräch mit der ZEIT. Gesundheit wird damit zu einer gesellschaftlichen Aufgabe, geprägt von politischen Entscheidungen, Stadtplanung und Umweltstandards.


Seine Vision ist die „herzgesunde Stadt“: weniger Verkehr, mehr Grünflächen, saubere Luft und reduzierte Lärmbelastung. Eine Umgebung, die nicht krank macht, sondern schützt.


Die Interviews geben darüber hinaus Einblicke in Münzels Forschung, seine Motivation und seinen persönlichen Umgang mit Umweltbelastungen. Im Mai/Juni erscheint zudem sein Buch „Herzklima – Wie Umweltstressoren unsere Gesundheit gefährden“, ein Weckruf und zugleich ein Mutmacher.


Denn die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet: Wer das Herz schützen will, muss weiterdenken. Nicht nur an den Lebensstil. Sondern an die Umwelt, in der wir leben.


Hier geht’s zu den Interviews:



 
 
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