„Die Literaturgeschichte ist voll von Helden-Mythen“ – Im Gespräch mit Anton Hunger
"Blutige Hände" geht über einen klassischen Mafia-Krimi hinaus und erzählt, wie organisierte Kriminalität versucht, Unternehmen in der legalen Wirtschaft zu kapern. Es ist nach "Mord à la Mode" ein weiterer Roman von Anton Hunger, der sich diesem Sujet kenntnisreich widmet.
In "Blutige Hände" ist das Verbrechen nicht nur auf dunklen Straßen zu Hause, sondern versucht auch, in der legalen Realwirtschaft Fuß zu fassen. Was reizt Sie an dieser Form der Kriminalität?
Schutzgelderpressungen, Entführungen, Drogenhandel und Geldwäsche sind Klassiker der Mafia-Literatur. Dass sich die organisierte Kriminalität längst im Wirtschaftsleben eingenistet hat, wird dagegen wenig thematisiert. Dabei ist diese Art von Kriminalität auf dem Vormarsch, weil sie den organisierten Verbrechern einen Hauch von Legalität verschafft. Nach meinem Recherchestand ist das in der Literatur ein weitgehend unbearbeitetes Feld. Und Neues, gern auch Originelles, reizt mich.
Sie waren viele Jahre Journalist und Kommunikationschef eines großen Unternehmens. Schaut man mit diesem Hintergrund anders auf Macht, Loyalität und wirtschaftliche Abhängigkeiten?
Man beachtet sie, keine Frage. Aber die Wirtschaft, wie wir sie kennen und tagtäglich erleben, ist in aller Regel wenig anfällig für Kriminalität. Ausnahmen, wie Abgasmanipulationen beispielsweise, bestätigen nur die Regel. Für gewöhnlich hält man sich an Regeln und Gesetze und nimmt sich den ehrbaren Kaufmann als Vorbild, weil man mit diesem Verhalten unbeschadet im Geschäft bleibt. Selbstverständlich wird Macht ausgeübt, von Mitarbeitern und Lieferanten Loyalität verlangt und es werden wirtschaftliche Abhängigkeiten ausgespielt. Aber Unternehmer in der Marktwirtschaft können sich nicht – wie Mafiosi – mit Morddrohungen einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen. Insofern hilft mir meine Erfahrung im Wirtschaftsjournalismus und in der Industrie für diese Form der Literatur wenig. Sie hat allerdings meinen Horizont erweitert und meine Sinne für Verfehlungen geschärft.
Die Mafia lebt von familiären Bindungen, Vertrauen und absoluter Loyalität. Wann kippen solche Werte ins Gefährliche?
Firmeneigner nutzen, wenn vorhanden, familiäre Bindungen. Bei Familienunternehmern ist das selbstverständlich. Vertrauen ist in der Wirtschaft konstitutionell. Bei absoluter Loyalität wird´s schon etwas schwieriger. Die gibt es noch nicht einmal in feinsten Familienunternehmen. Solche Werte kippen nur dann ins Gefährliche, wenn der Unternehmer ins Kriminelle abdriftet – dorthin, wo sich die Mafia befindet. Insofern sind freies Unternehmertum und organisierte Kriminalität zwei Paar Stiefel.
Ihr Roman bewegt sich zwischen Italien und Deutschland und zwischen legaler Wirtschaft und organisierter Kriminalität. Wie nah darf ein Roman an die Wirklichkeit heranrücken, bevor er dokumentarisch wird?
Wenn es sich nicht um Fantasy handelt, fußt die Fiktion in einem Roman auf Realitäten. Die Mafia existiert, sie ist keine Erfindung. Und die Methoden der Mafiosi sind weitgehend bekannt. Die literarische Kunst besteht darin, aus den wahren Vorgängen in der Wirklichkeit einen überraschenden Plot zu konstruieren. Überraschung macht neugierig und die Wahrheit liegt schließlich in der Fiktion, wie Salman Rushdie sagte. Dokumentarisch ist ein Roman schon vom Wortsinn her nicht.
Giulia Galvani nimmt für ihren Kampf gegen die Mafia große persönliche Risiken auf sich. Was interessiert Sie an Menschen, die sich einer scheinbar übermächtigen Struktur entgegenstellen? Ist das der alte Helden-Mythos?
Die Literaturgeschichte ist voll von Helden-Mythen. Helden werden verehrt und respektiert, das Lesepublikum giert danach. Aber Giulia Galvani entspricht nicht unbedingt diesem Typus. Ihr Vater, einst selbst in Diensten der organisierten Kriminalität, wurde von der Mafia ermordet. Als deutsche Staatsanwältin mit exzellenten Kontakten zu ihren italienischen Kollegen sitzt sie an einer Stelle, wo sie den Verbrechern das Leben zur Hölle machen kann. Rachegefühle sind dabei selbstverständlich nicht ausgeschlossen.
Sie schreiben selbst, dass Realität und Fiktion ineinander verschwimmen. Gab es bei der Recherche Momente, bei denen Sie dachten: Das würde man einem Romanautor kaum glauben?
Immer wenn ich mich dabei ertappte, dass die eine oder andere Schilderung wenig glaubhaft wirkte, fühlte ich mich auf einem guten Weg. Ein Roman lebt schließlich vom Unerwarteten. Ein Beispiel ist der Pate, der vom eigenen Clan hingerichtet wird. Ist das real? Jedenfalls nicht sehr wahrscheinlich, eher ungewöhnlich. Aber das macht den Roman aus: das Unmögliche denken und letztlich niederschreiben.
Ein guter Kriminalroman muss spannend sein. Aber was soll bei Blutige Hände im besten Fall über die Spannung hinaus beim Leser hängen bleiben?
Moderne Mafiosi haben längst ihre Verstecke verlassen, sie bewegen sich im Volk wie der Fisch im Wasser, sind unauffällig. Ihre exponiertesten Vertreter haben an den besten Universitäten studiert, kennen sich am Finanzmarkt und in der Börsenwelt aus. Drogenhandel ist zwar immer noch die einträglichste Einnahmequelle der Mafia, wird aber zunehmend mit äußerster Härte verfolgt. In Italien übrigens erfolgreicher als in Deutschland. Hängenbleiben soll beim Leser, dass die Fiktion bisweilen von der Realität eingeholt wird. Der freundliche Geschäftsmann von nebenan könnte auch ein Mafioso sein, der es mit finanzwirtschaftlichen Tricks auf ein börsennotiertes Unternehmen abgesehen hat.


