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Walter Serner zwischen Literatur, Forschung und Erinnerung

  • vor 7 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Der jüdische Schriftsteller und frühe, leider oft vergessene Dadaist Walter Serner erhält im Juni 2026 einen Stolperstein in den Straßen von Prag. Die Internationale Walter Serner Gesellschaft bemüht sich seit vielen Jahren darum, die Erinnerung an ihn neu zu wecken. Bei Molino erscheint nun der Tagungsband zur ersten Walter Serner Tagung, herausgegeben von Serner-Forscher und Bundesrichter Prof. Dr. Andreas Mosbacher. Im Gespräch verrät er, was ihn an diesem besonderen Autor begeistert und warum sich eine Neubeschäftigung mit ihm lohnt.


Wie sind Sie ursprünglich auf Walter Serner aufmerksam geworden und wie hat sich daraus Ihr heutiges Engagement entwickelt? 

Auf Walter Serner wurde ich aufmerksam, als 1988 die Gesamtausgabe seiner Werke in einer Taschenbuch-Kassette erschien und zu Serners 100. Geburtstag 1989 zahlreiche Artikel zu ihm veröffentlicht wurden. Seitdem lässt mich dieser Schriftsteller, wie ich Jurist, nicht mehr los. Weil es nicht viele Informationen zu seinem Lebenslauf gab, fing ich schon früh an, zu ihm zu forschen. Meine 2013 zu dem Schriftsteller publizierte Webseite (walter-serner.de), auf der Texte und Forschungsergebnisse veröffentlicht werden, hat sich seitdem zu einem Anlaufpunkt für Serner-Interessiere aus der ganzen Welt entwickelt. 


Wie prägt Ihre Arbeit in der Walter Serner Gesellschaft Ihren Blick auf sein Werk und seine Bedeutung?  

Die Internationale Walter Serner Gesellschaft verbindet ganz unterschiedliche Forscher aus Europa und den USA. Hieraus haben sich nicht nur freundschaftliche Begegnungen mit Gleichgesinnten, sondern auch viele neue Forschungsergebnisse ergeben. Hierdurch ist mir viel klarer als früher geworden, welche Bedeutung Serner als Schriftsteller und Dadaist hat und wie exemplarisch er für die kulturellen und politischen Umbrüche seiner Zeit steht, insbesondere die 1920er Jahre. Er lebte überall in Europa und bezahlte für seine radikale Freiheit als Schriftsteller und Mensch mit steter Mittellosigkeit.  


Wie würden Sie beschreiben, was Walter Serner zu einer besonderen und vielleicht bis heute unterschätzten literarischen Stimme macht?  

Walter Serner steht wie kaum ein anderer Schriftsteller exemplarisch für die kulturellen und politischen Umbrüche seiner Zeit, insbesondere die 1920er Jahre. Als durch ganz Europa reisender Schriftststeller hat er den Sound der europäischen Großstädte seiner Zeit unnachahmlich eingefangen und das Milieu der Kleinkriminellen, Hochstapler, Prostituierten und Kokainisten wahrhaftig beschrieben. Seine starken Frauenfiguren, seine sachlich-offene Schilderung der Geschlechterbeziehungen und seine klarsichtigen psychologischen Beobachtungen machen ihn zu einem besonderen Chronisten des Europas der 1920er Jahre. Auf der Grundlage einer umfassenden Bildung und einem starken Interesse an Kunst und Literatur seiner Zeit öffnet Serner dem heutigen Leser einen bis dahin in dieser Art kaum beschriebenen Lebenskosmos der damaligen Subkultur. 


Wie lässt sich „Der Piff um die Ecke“ in Serners Gesamtwerk einordnen, und was macht dieses Buch in Ihren Augen besonders? 

„Der Pfiff um die Ecke – Zweiundzwanzig Spitzel- und Detektivgeschichten“ zeigt Serner als unsentimentalen Beobachter von Europas Halbwelt. Da geht es nach Stuttgart („Das Zeró“), dann nach Paris, Wien, nach Italien, München, Marseille, London, Berlin (zur bekannten „Acker-Käthe“), Prag, Barcelona, Paris, Berlin, in den Zug von Bukarest nach Budapest, London, Neapel, Zürich, Paris, Venedig, Innsbruck, Paris, Berlin und wieder Paris. Wo es passt (Berlin insbesondere) wird der heimische Slang eingefangen einschließlich szenetypischen Argots. Sein Leben und sein Schreiben hängen untrennbar zusammen. Nur durch seine Reisen durch Europa, durch sein unstetes Leben hier und da, kommt er in Berührung mit so vielen unterschiedlichen Situationen und Lebenswelten, aus denen ihm der Stoff für seine Erzählungen wird. Serner ist mit diesem Erzählungsband im Zenit seines schriftstellerischen Könnens angekommen und ganz am Puls der Zeit. Er beschreibt die in den Europäischen Großstädten in den 1920er Jahren entstandenen Zwischenwelten, als würde er darin leben, das alles mit viel Witz und nicht ohne Empathie.  


Wie ist die Idee zum aktuellen Tagungsband entstanden, und welche Themen stehen im Mittelpunkt? 

Der Tagungsband versammelt verschiedene Vorträge der ersten internationalen Tagung zu Walter Serner, die am 17. Juni 2023 im Berliner Literaturhaus stattfand, veranstaltet von der Internationalen Walter Serner Gesellschaft und gefördert von der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften. Natürlich wollten wir den Referentinnen und Referenten die Möglichkeit eröffnen, ihre Vorträge zu veröffentlichen. Hinzu kommen neuere Forschungsergebnisse zu Serner. Die Beiträge greifen vor allen Dingen literaturwissenschaftliche Fragestellungen, neue biografische Forschungen und kulturwissenschaftliche Themen auf. Der ganz unterschiedliche Blick auf Walter Serner von unterschiedlichen Professionen zeigt die Vielfältigkeit seines Werks und seiner Person und machen seine exemplarische Stellung als europäischer Schriftsteller der 1920er Jahre deutlich.  


Wie haben sich im Zuge der Arbeit neue Perspektiven auf Walter Serner ergeben? 

Es gibt zahlreiche neue biografische Erkenntnisse zu Walter Serners Leben und Werk. Man erfährt etwa, dass sein jüdischer Vater bedeutendes Mitglied einer Freimaurerloge war, dass die antisemitische Verfolgung im Zusammenhang mit der „Lessing-Affäre“ bis zu einer Anfrage im Preußischen Landtag unter Namensnennung Serners ging, dass er mit dafür verantwortlich war, dass Hugo Ball nach Zürich kam und dort den Dadaismus gründen konnte, und dass er zur Frau des berühmten Schriftstellers Franz Jung eine ganz besondere Beziehung hatte, die sein Leben nachhaltig veränderte. Daneben werden literarische und kulturwissenschaftliche Fragestellungen untersucht: Welche philosophischen Bezüge gibt es in seinem Werk? Was bedeutet Serners (halb-)jüdische Herkunft für seine Identität? Wie wurde Serner in Italien rezipiert? Und was bedeutet es, dass Serner Figuren an den sozialen Rändern entwirft? Hinzu kommt eine Untersuchung des Verhältnisses von Walter Serner zu seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Dorothea Serner, mit der er 1942 aufgrund seiner jüdischen Herkunft von den Nazis ermordet wurde. 


Wie würden Sie den Band in seiner Zielsetzung beschreiben, und an wen richtet er sich? 

Der Band richtet sich an alle Literaturinteressierten, aber auch an Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler. Er will die Vielschichtigkeit von Leben und Werk Serners begreiflich machen und versammelt dazu ganz unterschiedliche Perspektiven aus verschiedenen Forschungszweigen. Mit dem Band werden die neuesten Forschungsergebnisse zu Serner präsentiert.  


Wie kam es zur Stolpersteinverlegung? Welche Rolle hat die Walter Serner Gesellschaft hierbei?

Die Verlegung von Stolpersteinen für Walter Serner und seine Frau Dorothea findet am 16.6.2026 in Prag an der letzten Wohnanschrift vor der Deportation statt (V Kolkovne 920/5). Das geht nur dank des großartigen Stolperstein-Projekts, das Gunther Demnig 1992 begonnen hat. Initiiert wurde die Verlegung von der Internationalen Walter Serner Gesellschaft e.V., die Schirmherrschaft für die Stolpersteinverlegung hat der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Prags übernommen. Am Abend des 16.6. gibt es um 19 Uhr eine Veranstaltung mit Vortrag, Lesung und Musik in der großartigen Jerusalem-Synagoge mit dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, der Jüdischen Gemeinde Prags, dem Adalbert Stifter Verein und anderen Mitwirkenden, zu der alle herzlich eingeladen sind; der Eintritt ist frei. 


Wie ordnen Sie die geplante Stolpersteinverlegung für Walter Serner in Prag persönlich und historisch ein? 

Die Stolpersteinverlegung für Walter Serner und seine Frau Dorothea ist etwas ganz Besonderes. Bislang gibt es nur in Berlin, wo Serner u.a. 1912 gewohnt hat, eine Gedenktafel für ihn (Augsburger Straße 21). Weder in seiner Heimatstadt Karlsbad/Karlovy Vary noch an anderen Orten wird an Serner erinnert. Die Nationalsozialisten haben ihn und seine Ehefrau wie Millionen andere ermordet, seine Bücher wurden beschlagnahmt und vernichtet. Der Nachwelt ist Serner trotz seiner großartigen Texte kaum bekannt. Hier gilt es, einen bedeutenden Schriftsteller dem Vergessen zu entreißen, die Nazis dürfen mit ihrer Vernichtungsstrategie keinen Erfolg haben. Für mich persönlich ist die Stolpersteinverlegung ein wichtiger Akt der Erinnerung, der auch dazu dient, tschechische und deutsche „Fans“ von Serner zusammenzubringen. 


Was war das erste Buch, das sie von Walter Serner gelesen haben, und was würden Sie Leserinnen und Lesern als Erstlektüre empfehlen?  

Mein erstes Buch war die „Letzte Lockerung – Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“ von 1927 (zweite erweiterte Auflage). Zum Einstieg kann man seine Kriminalgeschichten empfehlen, insbesondere die Erzählungsbände „Die tückische Straße“ und „Der Pfiff um die Ecke“, zudem seinen einzigen Roman „Die Tigerin“, aus dem bei der Stolpersteinverlegung auch etwas vorgelesen wird und der als einziges seiner Werke verfilmt wurde. Mein Lieblingsbuch bleibt die „Letzte Lockerung“, insbesondere deren zweiter Teil („Das praktische Handbrevier“), in dem Serner in über 500 kurzen Sentenzen Tipps und Tricks für das Überleben in den europäischen Großstädten der 1920er Jahre, aber auch für das Leben überhaupt gibt. 


Was nehmen Sie selbst aus Ihrer Beschäftigung mit Serner mit? 

Durch die Beschäftigung mit Walter Serner kann man ermessen, welche fundamentalen kulturellen und politischen Umbrüche es zwischen 1900 und 1940 in Europa gab. Er ist ein wahrhaftiger Europäer, der Leben und Werk durch seine jahrzehntelange Reisetätigkeit unnachahmlich verbindet. Serners Familie steht zudem beispielhaft für den Aufstieg und Untergang des böhmischen Judentums. Seine Schriften atmen den Geist radikaler Freiheit, eines fundamentalen Pazifismus und sprachlicher Akrobatik. Für mich ist Serner ein Freigeist im besten Sinne des Wortes, aber auch ein überzeugter Europäer, der den gemeinsamen Kulturraum durchpflügt. Als Strafrichter interessieren mich natürlich auch seine Schilderungen krimineller Halbwelten, die ihm authentisch und wahrhaftig gelingen.

 
 
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