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Susanne Wiedmann im Interview über "Georgette Tsinguirides"

  • vor 3 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Frau Wiedmann, was hat Sie an Georgette Tsinguirides so fasziniert, dass Sie ihr ein Buch widmen wollten?

Vor 25 Jahren habe ich als Journalistin meine ersten Interviews mit Georgette Tsinguirides geführt, zunächst für SWR2, anschließend fürs Fernsehen. In den folgenden Jahren bin ich ihr immer wieder in den Pausen begegnet, wenn ich eine Vorstellung des Stuttgarter Balletts besuchte. Das war kein Zufall: Sie war einfach immer da. Mich hat zweierlei fasziniert:  Zum einen ihr Beruf als Choreologin, den viele mit Choreografin verwechseln. Doch Georgette hat Crankos Ballette in einer ausgeklügelten Tanzschrift festgehalten, damit sie nicht verlorengehen. Und sie selbst hat diese Stücke mit Generationen von Tänzerinnen und Tänzern originalgetreu einstudiert. Zum anderen ihr unglaubliches Alter und ihre Energie: Als ich mit dem Projekt begann, war sie 87 Jahre alt und arbeitete täglich im Ballettsaal – seit 70 Jahren. Das ist einzigartig.

 

Die Ballettwelt gilt als diszipliniert und gnadenlos. Wie viel Härte und wie viel Liebe steckt in dieser Biografie?

Die Härte lag für mich darin, die Zeit für dieses Buch überhaupt zu finden. Ich war damals festangestellte Redakteurin bei einer Tageszeitung in Tübingen und habe jede freie Stunde in das Projekt investiert. Die Interviews mit Georgette und anderen Gesprächspartnern fanden meist an Wochenenden statt. Schließlich nahm ich vier Monate unbezahlten Urlaub, um das Buch am Stück schreiben zu können. Ohne meine Liebe zum Tanz, speziell zum Stuttgarter Ballett, und ohne Leidenschaft für meine Arbeit hätte ich das nicht gemacht und geschafft.

 

Sie beschreiben Georgette als „Naturgewalt im feingliedrigen Körper“. Wie haben Sie diesen Zwiespalt erlebt?

Georgette ist eine sehr zierliche, fast zerbrechlich wirkende Frau. Doch wer sie im hohen Alter auf High Heels gesehen hat, spürte sofort die Kraft, die in ihr steckt. Ihre Energie ist unglaublich – sie strahlt eine innere Stärke aus, die man in diesem Körper zunächst nicht vermuten würde. Dieser Gegensatz macht sie so beeindruckend.

 

Was lernen wir aus einem Künstlerleben, das fast ein Jahrhundert umspannt?

Die wichtigste Lektion lautet: niemals aufgeben. Auch wenn man Schmerzen hat oder Trauer trägt – weitermachen. Von Georgette habe ich übernommen: Schaue nach unten, nicht nach oben. Es gibt immer Menschen, denen es schlechter geht als einem selbst. Diese Haltung, gepaart mit eiserner Disziplin, hat sie geistig und körperlich fit gehalten. Und sicher auch die Tatsache, dass sie ihr Leben lang von jungen Menschen umgeben war. Das hält jung – und macht Mut.

 

War Georgette Tsinguirides leicht zugänglich oder eher jemand, der Kontrolle auch im Gespräch behalten wollte?

Georgette ist keine Frau, die einfach drauflos erzählt. Sie spricht sehr reflektiert.  Zugleich wollte sie sich selbst nicht zu sehr in den Vordergrund stellen. Dann habe ich sie dazu ermutigt, ihre Erfahrungen und Geschichten zu teilen.

 

Kann man neueste Tanzgeschichte überhaupt schreiben, ohne selbst Teil der Szene zu sein?

Ich bin überzeugt: Ja, und vielleicht sogar besser. Als Journalistin habe ich die Möglichkeit, Innen- und Außenperspektive zu verbinden. Ich kann nah heranzoomen, aber auch aus professioneller Distanz mit Weitwinkel arbeiten. Gerade das macht eine Biografie vielschichtig. Wer zu sehr involviert ist, verliert diese Distanz.


Drei Schnellfragen – bitte in einem Wort:

Bühne oder Schreibtisch? Beides (ergibt das Ganze)

Disziplin oder Freiheit?  Beides (Struktur als Basis für Kreativität)

Bewegung oder Ruhe? Beides (aber nie Stillstand)

Kein „Entweder oder“, sondern „Sowohl als auch“



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